Kulturelle & soziale Topografie I

Tag acht, Samstag.

Endlich, ein echter Streifzug, fünf Stunden war ich unterwegs, 250 Fotos sind entstanden in der Johannstadt zwischen „Süd“ und „Nord“. Ein Fotorausch, die Augen taten richtig weh. Das Wetter hat dafür mitgespielt, war teilweise sogar wunderbar, der Regen blieb aus, wenn auch meist bewölkt. In der Liste der Orte konnte ich ein paar Häkchen setzen. Erfahren habe ich wieder viel viel Neues, auch einiges wirklich Kurioses – das ganze komplexe Leben eines wirklich vielschichtigen Stadtteils. Ich traf Menschen, auch Freunde auf dem Weg und habe Lust auf mehr…

Am Anfang drehte ich eine Aufwärm-Runde um die Trinitatiskirche. Das im Krieg schwer beschädigte Bauwerk ist heute als Jugend- und Veranstaltungszentrum in der Nutzung der Johanneskirchgemeinde Dresden. Viel wäre zu sagen, doch im Grunde beeindruckt der Status Quo einer kulturellen Spielstätte, die der Johannstadt sicher gut tut, die eine enorme Ankerfunktion in sozialer und räumlicher Hinsicht haben dürfte und die ich viel zu wenig kenne. Ein Gespräch mit Steffen von Aktives Leben e.V. wird da nützlich sein. Ein Besuch vor Ort auch. Wirklich imposant: Erst in der Sichtung der Fotografien beim Vergrößern fiel mir auf, dass die bunten Fenster- und Wandbilder aus Feuerzeugen hergestellt wurden.

Als Nächstes, die Ecke gleich um die Ecke, geriet ich auf das ehemalige Plattenwerkareal. Kein unbekanntes Gelände für mich, aber stets neu in seiner Gestalt und Nutzung. Aus dem Jahr 2011 etwa kenne ich den Ort als „Trini Trash“, an dem diverse Jugendkulturen wie Skaten und Graffiti ihren Freiraum fanden und finden (und hatte dazu einen Artikel auf meinem Blog verfasst). Seitdem ist der Ort „bereinigt“ worden. Aber schon zuvor war die „Betonzeitschiene“ beräumt worden, die über die Geschichte des Ortes, die Fabrik äußerst anschaulich Auskunft gab; die Website ist zum Glück noch existent. Eines von vielen Projekten, die auf den nicht immer unstrittigen Kulturaktivisten Werner Ehrlich zurückgehen. Das Problem hier – wieder einmal: Die Stadt Dresden hatte das Projekt in einer Grauzone mit Kulturmitteln gefördert. Unzählige Menschen, auch Freunde von mir waren zumeist freiwillig beteiligt, sogar in einem Verein. Es war publiziert und reflektiert worden. Es kam gut an und war beliebt. Dann entschied der Eigentümer der Fläche aus vielleicht sogar nachvollziehbaren Gründen gegen diese Nutzung. Alles wurde abgebaut und ist nun zweihundert Meter weiter „eingelagert“. Auch die JohannStadthalle hat sich offenbar schon vergeblich an der Vermittlung versucht. Mittlerweile nutzen einige der Skaterrampen Teile des Museums als Rückhalt. Den Jugendlichen ist es egal – nein, nicht weil sie ignorant sind, sondern weil sie es nicht wissen, nicht vermittelt bekommen. Auf der Website steht etwas von einem Beitrag zur Stadtteilidentität – denn man konnte hier Geschichte anfassen. Ein Plus des „micromuseums“ des Künstlerarchitekten Ruari O’Brian.

Danach führte mich der Weg auf die endlose Weite dessen, was einst ein SA-Krankenhaus (Carola-Haus) und später, wachsend von der Gerokstraße aus, ein Plattenwerk für den Aufbau der Johannstadt mit vorgefertigten Plattenbauteilen war. Dies hier ist die Schnittstelle von Johannstadt „Nord“ und „Süd“. Wie auch die Trinitatiskirche, die übrigens immer auch in diesen Raum visuell hineinragt, kommt dem Ort besondere Bedeutung als räumliche und soziale Schnittstelle zu. Masterplanungen gibt es. Was aber lange vor den formalen Planungen passiert, sind soziale Konstruktionen auf dem Ort: Hund ausführen, Gespräche führen, sich zum Malen oder Skaten oder Biketrial treffen, rumhängen, Picknicken, Löwenzahn für das Kleintier sammeln, Laufen, Fussball oder Basketball spielen, einfach mal ausspannen, das Panorama der Johannstadt genießen … die Liste ist endlos und die Brache ist eigentlich gut wie sie ist, denn sie entwickelt sich bereits unmerklich. Nun, das wird mir der Planer und auch der Investor nicht abnehmen. Es ist aber so. Dieses Panorama ist ein Schatz! Wir können ruhig mal zusehen und mit behutsamen Mitteln eingreifen bzw. nachforschen, die Natur in der Stadt würdigen: Brachenkino, Biokartierung, usw. Es gäbe tausend Referenzen dazu.

Nach der Brache führte mich der Weg entlang der früheren Stephanienstraße zurück in die Stadt. Auf dieser Westseite des Areals ist die alte Straßenführung Am Tatzberg noch ein wenig nachvollziehbar, wo einst Frau Schirmer ihre Kindertage verbrachte. Dann plötzlich stehe ich auf der „Pfote“, einen Schritt um die Ecke vor der „Modrow-Kaufhalle“ und einer Bushaltestelle voller unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen. Dazu später mehr.

Eine Schleife in die Hopfgartenstraße führt mich zur „Schokoladenfabrik“, die seit ich Dresden kenne, ein Ort der Kunst und Architektur ist. Zu meiner Studienzeit gab’s hier Studios, mancher wohnte sogar mal hier, heute arbeiten einige von den damaligen Studenten immernoch hier, im „Schokostudio„. Da ist der friedrichstadtZentral nicht weit, denn die Menschen sind zum Teil diegleichen. Und da dessen Umzug noch zwei Jahre dauern wird, munkelt es bereits, dass in dieser Zeit nicht wenige aus der Friedrichstadt die Achse zur Johannstadt wieder frequentieren und sich hier in der Nähe einquartieren werden. Der „Abstand“ zur restlichen Bevölkerung des Quartiers ist jedenfalls nicht groß.

Grundsätzlich ist hier aber der Unterschied zu „Süd“ spürbar. Hier bei der Gagfah und vermutlich einigen Privaten zahlt man keine Genossenschaftsanteile. Auch wenn die 10geschossigen Häuser dieselben sind, wohnen hier komplett andere Menschen, herrschen völlig andere soziale Umstände. Räumlich wirkt der „Hof“ der Hopfgartenstraße aufgrund der umschließenden Bauform aber auch bedrängender. Dafür ist Platz für Garagen und einen Hof, auf dem das Auto in Eigenarbeit getuned oder repariert wird.

An der Elisenstraße erreiche ich wieder die Freiheit. Gegenüber steht meine eigentlich Destination: Das leerstehende 10geschossige Gebäude mit den Nummern 5 bis 11. In der 7 wohnten Freunde von mir, Grit und Konrad. Ich kenne ihre Wohnung von innen, den verschlungenen Weg dorthin, die Kellerersatzräume auf jedem ungeraden Geschoss, auf dem auch der Lift nur hält, das innenliegende Treppenhaus wie bei Frau Schirmer auf der Permoserstraße im Sechsgeschosser, die berühmte Durchreiche zwischen Küche und Essbereich in diesem Hochbautyp. Auch die Geschichte vom Mann, der ohne Strom und Wasser als quasi Obdachloser schräg unter ihnen wohnte und dessen Gerüche je nach Wind hinaufströmten. Nun schrieben wir uns darüber einige Emails und ich möchte ihnen einige besondere Fotos „mitbringen“. Ob Rück- oder Umbau bringe ich nächste Woche in Erfahrung. Die überall aufgehängten Schilder der Firma I & V Immobilien Betriebs- und Vermarktungsgesellschaft mbH sprechen von „Baumaßnahmen“. Die Firma hat einen denkbar einfallslosen Namen, offensichtlich keine Website, sitzt mit dem Stadtplanungsamt im WTC, Freiberger Straße 39 und fährt mit dem Freistaat Sachsen auf die EXPO real Immobilienmessen in München. Meine Freunde haben noch Doku-Material von diesem martialisch schönen Bau, eine andere Freundin erzählte oft von rauschenden Partys dort. Erkennbar ist jetzt schon anhand des Neubaus neben der Sparkasse an der Elsasser Straße, dass der bisher zur Elisenstraße offene „Block geschlossen“ werden soll.

Hier taten mir die Augen weh, sodass ich nur noch einige Höfe am Böhnischplatz abklapperte, ehe ich eine Eis- und Auszeit vor „Johann’s Eisfenser“ nahm. Die Mutter mit der Tochter, die mit ihrem Mann und ihrem Sohn nicht so richtig spürbar als Familie verbunden schien, jagte mich mit dem typischen Nordberliner Handytelefonatgehabe schnell wieder weg, obwohl Mathilde auf ihrem Laufrad mich ganz klar kennenlernen wollte. Eine Auskunft über die Lage des ehemaligen Stadtteilladens konnte mir „Johann“ trotz fünf Jahren hier nicht geben. Angeblich seien das die nun zu Wohnungen ummodernisierten Läden nebenan gewesen, wo die Mutter und ihre Familie eben rauskam. Leider waren sowohl der Chinese „Canton“, von dem Herr Eggert wohlwollend sprach, als auch das Technikkaufhaus nicht mehr in Betrieb. Der Böhnischplatz fühlt sich sonst ja gut an. Hier treffen erstaunlich viele Ethnien aufeinander und ich kann den kulturellen Horizont erweitern.

Um die Ecke dann teffen drei Bauepochen aufeinander. Hier wohnt Thomas Löser. Hier wirkt plötzlich vieles alternativ. Die gründerzeitlichen Bauten sind üppig geschmückt. Die Arbeiterbauten daneben eher praktisch. Hinten ragt das „Wohnhochhaus 15“ hervor.

Nun doch zum Konsum. Auf der Suche nach einem Stück Fleisch und Brot stolpere ich im Markt über einen jungen Mann, der merklich hochtrabend und sich spreizend mit „nicht wirklich ostdeutschem Akzent“ ein Stück Sülze aufschneiden lässt, sodass die Verkäuferin ihn freundlich bitten muss, ihr das größere Ende zum Verkauf zu lassen, da sie es sonst nicht losschlagen könne. Einige Kunden später angele ich mir das verbliebene Stück samt einer Knacker und spreche die Frau auf die Kundenzusammensetzung an: Ja, in der Woche kämen die „Stammkunden“, die schon immer zum Konsum gingen, der auch schon immer Konsum gewesen sei, aber liebevoll „Modrow-Kaufhalle“ genannt wurde. Nur am Wochenende kämen auch mal die Jüngeren und kauften teures Essen. Sie nähme auch wahr, wenn ältere Menschen eines Tages nicht mehr kämen und denke sich ihren Teil. Draußen beim Kaufen von Brot und einem Brötchen für die Brotzeit mit der Sülze, sitzen ein vorderasisch aussehender und ein deutscher junger Mann, die sich beim Kaffee unterhalten, herein kommt ein stammelnder Sozialhilfeempfänger (woher weiß ich das eigentlich?), nach ihm vermutlich eine Russin. Das ist alles nichts ungewöhnliches und ich wurde von Ulrike ja auf das „Ost-West-Gefälle“ der Pfotenhauer Straße hingewiesen. (was meint Ost-West?) Aber hier wirkt es unweigerlich ungewöhnlich, weil die Normalität fehlt. Nebenan ist im gleichen „Fußabtreterkleid“ (die Fassade, über die ein Freund sich nie genug wundern konnte) noch ein ALDI, und wenn man weiß, dass „vorne“ auf der Florian-Geyer-Straße 48 ein Aufgang ist, in dem Bürger anderen kulturellen Hintergrundes noch immer ghettoisiert werden, wird das Bild klarer.

Nachdem dann ein ulkiger Herr, der trotz Hochwassers erstaunlich nach Elbetrödler aussieht, bockig mit einem blockierten rechten Hinterrad die Straße in Aufruhr und die Nase in eine Gummiwolke versetzt, halte ich vor der neu gestalteten Gutenberg-Mittelschule inne, esse meine Sülze im Brötchen und genieße den Ausblick auf die Pfote und die Menschen. Dann kommt mir aus Zufall Ulrike auf dem Fahrrad entgegen als ich mitten auf der Straße stehe. Denn die Pfotenhauer Straße hat Ost- wie Westwärts interessante visuelle Ankerpunkte: Lingner-Schloss und Hochhaus. Während ich fotografiere wie sich hier der „Rusmarkt“, da die vietnamesischen Gärten etabliert haben und zwischendrin der ulkige Herr sein Hinterrad fluchend austauscht, war sie einkaufen – vermutich im Konsum?! Wir treffen uns wieder und gehen das Stück in die Hertelstraße, wo sie mir das neue Atelier vom gemeinsamen Bekannten Alexander Heitkamp mit den „Buchstabenorten“ zeigt und noch diverse (Ge)Schichten des Viertels erläutert. In dieser Hausnummer 16 war auch der Frieseurladen, in dem Frau Schirmer einst arbeitete, und wo sie mit ihrer Familie nach 1955 wohnte. Vorher sei da wohl das von mir im Netz bereits erspähte „Ziehpferdchen“ gewesen. An der Pfote finden wir den Spielwarenladen, vom dem die Basketballerin Michelle mich letztens unterrichtete. Da schaue ich dann mal rein und spreche mit dem Mann. Überhaupt sind die Läden hier hinten interessant. Wie in den 30ern und 40ern versuchen allerhand jüngere Leute ihr Glück, daneben typische Filialisten und ein Diska. O.k. Aber das hier ist die andere Pfotenhauer Straße. Man sieht junge Menschen mit Kindern, die eher nach Bildungsbürgertum aussehen als nach Arbeitern vor dem „Eis-Keyl“. Doch während der Böhnischplatz ein wenig „Inselcharakter“ hat und ich die Mischung vermisse, ist hier hinten eigentlich ein neuer Stadtteil. Dazwischen ist auch noch das frühere Wohnhaus von Herrn Treppnau auf der Pfotenhauer 74 mit dem nach hinten nun offenen Block zur geschlossenen Terscheckstraße. Im Grunde passt die Genealogie ja fast zu den Erzählungen von Frau Schirmer. Damals nach dem Krieg hieß dieser Teil der Johannstadt die „Kohlrabiinsel“ – warum auch immer. Und es habe „Cliquen“ gegeben: Am Tatzberg eben, wo noch vier Häuser standen, im östlichen Teil der Gründerzeit, im Block am Böhnischplatz und dazwischen der Wiederaufbau. Die Grenze heute? Wenn, dann an der Arnoldstraße.

Aber Vorsicht! Kurz vor der Neubertstraße enden meine Batterien und wohl auch mein Karma. Am Eckcasino schnauzt mich ein Betrunkener rüde von der Treppe zurück nach Löbtau und ob ich denn nicht die Flut fotografiere, was ich dann eigentlich hier wolle, und droht mir mit wüsten Verunglimpfungen. Die bringen mich aber eher zum schallenden Lachen und die Nachbarn zum Grübeln. Als ich dann in einen Hof des Blockes gehe und mich umdrehe, treffe ich auf mehrere junge Menschen (Studenten oder „Young Professionals“ wie ich sie vom Basketball her kenne und wohl selbst einer bin). Und ich treffe auf Michelle, die soweit ich weiß aus den U.S.A. stammt und mit der ich mich kurz auf Englisch unterhalte, während ich ihren singenden Akzent bewundere. Morgen sieht man sich vielleicht auf dem Basketballplatz am Tatzberg. Ende des heutigen Streifzuges. See you.

Ps: Auf dem Rückweg erkenne ich nach einem kurzen Tankstopp im Spätsshop, dass es eine zauberhafte Abkürzung durch Hertelstraße, Friedhof, Lortzingstraße direkt zur JohannStadthalle gibt. – Diese Abkürzungen zwischen Kulturen und Milieus…das interessiert mich eigentlich noch viel mehr!

Über kultur!ngenieur

Projektleiter für Kulturproduktion in Echtzeit

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